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Aus: EURO am Sonntag (24. Januar 1999)

von OLIVER JANICH

Ross lag schon auf dem Sterbebett. Sein gesamtes Wissen über die Börse drohte mit ihm dahinzuscheiden. Deshalb raffte er sich noch einmal auf und schrieb seine Erkenntnisse für Frau und Kinder auf. Er wollte ihnen die Möglichkeit geben, eine hundert Jahre alte Familientradition fortzuführen. Zu seinem persönlichen Glück und dem vieler Trader wurde Joe Ross aber wieder gesund. Er fand Freude am Schreiben und hat bisher bereits vier Bücher über die Börse veröffentlicht.

Für Optionsscheinanleger sind die Erkenntnisse des Amerikaners besonders interessant. Ursprünglich wurde sein Handelsansatz für die Futures-Märkte konzipiert. Hier muß der Trader ähnlich schnell agieren wie der Warrant-Anleger dem ständig die Zeit davonläuft. Die wichtigste Chartformation ist der nach ihm benannte Ross-Haken. Der Vorteil: Diese Technik ist in jedem Markt und sehr häufig anwendbar. Gerade für Trader, die schnelle und viele Einstiegsgelegenheiten suchen, eignet sich dieser Ansatz besonders gut.

Das Konzept ist einfach und gerade deshalb genial. In den USA ist der Ross-Haken bei professionellen Tradern beliebt, daß es inzwischen eine eigene Bezeichnung für diese Anleger-Spezies gibt: "Hooker" Sie sind Trendfolger und beachten die oberste Grundregel aller Trader. 'The Trend is your friend'. Das Problem: Wie erkenne ich einen Trendwechsel? Für diese Fragestellung hat Ross ein simples Konzept parat, das eng mit dem Haken verknüpft ist.

Intel-Chart

Der Intel-Chart zeigt, wie es funktioniert: Im August bildeten die Kurse ein vorübergehendes Tief an Punkt 1. Die Abwärtsbewegung geriet ins Stocken. Diejenigen, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, schlossen ihre Positionen. Die Notierungen erholten sich daraufhin bis zum Punkt 2. Jetzt kommen die Marktteilnehmer ins Spiel, die davon überzeugt sind, daß der Kursverfall weitergeht. Sie verkaufen die Aktie wieder. Die Kurse fallen. Sollten sie unter Punkt 1 sinken, geht die Abwärtsbewegung weiter, stoppen sie aber (Punkt 3) und steigen über Punkt 2 an, weiß der Trader: jetzt könnte ein Trendwechsel stattgefunden haben.

Ob diese sogenannte 1-2-3-Formation tatsächlich einen neuen Trend ankündigt, kann der Anleger an den Ross-Haken erkennen, die er gleichzeitig zum Einstieg nutzen kann. Bei Intel entwickelte sich tatsächlich eine Rally. An Punkt A endet sie vorläufig. Der Kurs korrigiert. Das zwischenzeitliche Hoch ist der Ross-Haken (RH). Steigen die Kurse wieder über diesen Punkt, erhält der Trader ein Kaufsignal. Er erwirbt die Aktie und plaziert gleichzeitig ein Stop unter das Tief des Hakens. Das heißt, wenn die Notierungen wieder unter dieses Zwischentief fallen, ist die Kaufposition sofort wieder glattzustelllen.

Der Trader muß sich nach einer anderen Einstiegsmöglichkeit umsehen. Bei Intel setzte sich die Aufwärtsbewegung fort, es entwickelten sich noch drei weitere Ross-Haken. Das letzte Kaufsignal wurde mit Überschreiten an Punkt C ausgelöst. Der Stab für dieses Signal liegt unter dem vorangegangenen Tief bei Punkt B. Auch ein Investor, der bereits am Punkt A eingestiegen ist, sollte seinen ursprünglich bei 105 Dollar liegenden Stop immer wieder unter die Tiefpunkte der nachfolgenden Ross-Haken nachziehen. Getreu der Trading-Regel Nummer 2: Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen.

Solange der Trend intakt ist, werden sich immer neue Ross-Haken bilden, der Stop kann immer höher gezogen werden. Dadurch vermeidet der Trader die oft nervenaufreibende Frage: "Wann soll ich wieder aussteigen? Hier beantwortet der Markt die Frage selbst: Glattgestellt wird dann, wenn der Stop durchbrochen ist. Nicht früher und nicht später.

Bei Intel muß zur Zeit abgewartet werden. Die Tagesschwankungen haben sich kräftig erhöht. Gleich nach dem Einstieg fiel die Aktie stark zurück. Am Freitagabend wurde Punkt B bei 131 Dollar unterschritten. Alle bestehenden Kaufpositionen müssen daher aufgelöst werden. Am wahrscheinlichsten ist, daß die Aktie nun in eine breite Seitwärtsbewegung übergeht. Anleger sollten in diesem Fall abwarten, bis die Volatilität wieder abnimmt und die Konsolidierungsphase beendet ist. Solange sich die Aktie über 120 Dollar hält, ist das Papier jedoch auf jeden Fall interessant, und beim nächsten Ross-Haken kann wieder auf Calls gesetzt werden.

DaimlerChrysler-Chart

Eine sehr interessante Situation bietet derzeit auch der Chart von Daimler-Chrysler. Im Oktober bildete sich eine 1 -2-3-Formation, die den Trendwechsel nach oben ankündigte. Schon bei Überschreiten des Punktes 2 konnten erste Kaufpositionen eingegangen werden. Denn prinzipiell wird durch Punkt 2 und 3 schon ein Ross-Haken gebildet. Der letzte Haken birgt jetzt eine besondere Situation. Er sieht verdächtig nach einer 1 2-3-Formation aus, die einen Trendwechsel nach unten signalisieren würde. Sollte die Aktie kein neues Hoch markieren, sondern unter Punkt 2 zurückfallen, wäre die Trendumkehr-Formation perfekt. Die richtige Strategie wäre, bei Unterschreiten von 84,30 Euro einen Put zu kaufen. Der Stop läge dann über Punkt 3 bei 93,25 Euro. Wenn jedoch vorher der Ross-Haken mit Notierungen über 94,20 Euro überschritten wird, sollte ein Call erworben werden. Preisfrage. Wo läge dann der Stop? Richtig, unter Punkt 2. Fertig ist das Ross-Einmaleins. In seinen Seminaren und Büchern erklärt Joe Ross seine Technik an Hunderten von Beispielen. Die Bücher sind sehr teuer ( z.B. "Chartformation Ross-Haken,  ISBN 3-932741-02-1, Tel.06146-7204; 390 Mark) aber jeden Pfennig wert. Für ein besseres Leben.

Literatur zur Ross-Trading-Methode für Aktien-Trader und CFD-Trader

Literatur zur Ross-Trading-Methode für Futures-Trader

 

 


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