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Leseprobe: Kapitel 5
5 Filterprozess: Die Fundamentaldaten überprüfenDer erste Schritt meines Filterprozesses besteht darin, alle möglichen Fundamentaldaten des zugrundeliegenden Futureskontraktes für die Zeit des Jahres, die ich für meinen Einstieg vorgesehen habe, zu untersuchen. Das bedeutet für mich, dass ich mir die wichtigsten Fundamentaldaten anschaue. Ich habe oft erwähnt, dass ich als einzelner Trader nicht darauf hoffen kann, bezüglich der Informationsmöglichkeiten mit den großen kommerziellen Händlern konkurrieren zu können. Diese Aussage ist auch heute noch zutreffend. Warum? Dies ist darauf zurückzuführen, dass es sich die großen Händler (commercials) leisten können, weltweit Vertreter zu haben, die auf die Felder gehen und Ernten überprüfen, zukünftige und gegenwärtige Anpflanzungen untersuchen und die Regierungsberichte sowie private Berichte hinsichtlich der Erntebedingungen, des Wetters, der Bodenbedingungen, des Schädlingsbefalls etc. genau studieren. Allerdings sind auch dem individuellen Trader gewisse fundamentale Informationen zugänglich, und tatsächlich steht mir mit den aktuellen Berichten durch eine Live-Datenlieferung mehr Information zur Verfügung, als ich möglicherweise handhaben kann oder überhaupt wissen will. 5.1 Die Fundamentaldaten überprüfen: WetterEs erfordert nicht viel Anstrengung, die Nachrichten einzuschalten und mich über das Wetter zu informieren, und zwar nicht nur vom eigenen Land, sondern von der ganzen Welt. Wenn es eine Überschwemmung oder Dürre im Mittelwesten gibt, wird sich dies auf das Getreide auswirken, und es erfordert keine große Mühe, etwas darüber zu erfahren. Wenn es Frost in Brasilien gibt, was sich auf Kaffee und Sojabohnen auswirken könnte, bedarf es nicht langwieriger Forschungen, um sich darüber zu informieren. Ich kann ganz einfach erfahren, ob die Bergarbeiter in den Silberminen Mexikos mit einem Streik drohen. Wenn es Probleme in Südafrika gibt, die sich auf die Goldminen auswirken könnten, wird dies in den Nachrichten gemeldet. Wenn die OPEC ein Treffen plant, wird sich dies wahrscheinlich auf die Energiepreise auswirken, und es ist nicht schwer, das herauszufinden. Die Nachrichten informieren über Unruhen in der Elfenbeinküste, was das Angebot an Kakaobohnen usw. beeinträchtigen könnte. Worum es geht, ist folgendes: "Schau, bevor Du springst". Es geht darum, sich an mein altes Sprichwort zu halten, das besagt: "Trade, was du siehst, nicht was du denkst". Jede Eigenartigkeit des Wetters veranlasst mich umgehend, mir den geplanten Spread-Trade der Rohstoffe anzuschauen, die essbar sind. Ich schaue nach, ob die zugrundeliegenden Märkte einzeln und im Zusammenhang miteinander überhaupt normal erscheinen. Ich werfe einen besonders eingehenden Blick auf die jeweiligen Inter-Börsen-, Intermarket- und Intramarket-Spreads. Ich könnte sogar erwägen, den Spread in umgekehrter Weise einzugehen. Ich achte auch auf den nächsten Punkt. 5.2 Die Fundamentaldaten überprüfen: BackwardationAm einfachsten erkennbar ist die Umkehrung der natürlichen Preisstruktur. Diese Umkehrung ist als "Backwardation" bekannt und kann in jeder Zeitung gefunden werden, die eine Rubrik für die Futurespreise mehrerer Liefermonate enthält. Für alle Futures-Kontrakte, außer für Zins-Kontrakte (interest rate) gilt, dass die normalen Lagerkosten ("carrying charges" = Versicherung, Lagerung, Zinsen) dazu führen, dass die späteren Liefermonate normalerweise höher im Preis notieren als die näherliegenden Liefermonate. Wenn aber einige Veränderungen in den Fundamentaldaten auftreten, um eine übermäßige Nachfrage in den näherliegenden Monaten zu bewirken, dann können die Preise in den näherliegenden Monaten höher steigen als die Preise von einigen weiter entfernt liegenden Monaten und somit "Backwardation" verursachen. "Backwardation" kann entstehen, wenn jemand bereit ist, heute eine Prämie zu bezahlen, um die entsprechende Ware umgehend zu erhalten, weil befürchtet wird, dass diese später viel teuerer werden wird. Im Hinblick auf die "Backwardation" äußern sich die Fachleute bei Moore`s Research folgendermaßen: "In bestimmten Märkten (Lebende Rinder, Rohöl, Heizöl usw.) bietet dieses Phänomen die beste Grundlage für einige saisonale Trading- und Spread-Strategien, wobei nachfolgende Kontrakte dazu neigen, gegenüber dem Kassamarkt zu steigen, während naheliegende Monate auslaufen. (Wir haben festgestellt, dass dies der Fall ist, wenn wir die Märkte analysieren, die Bestandteile des GSCI der CME sind. Achten Sie darauf, wie selten Rinderproduzenten in der Lage sind, Termin-Sicherungsgeschäfte zu tätigen, ohne dass dies zu progressiven Rabatten zum Kassamarkt führt.)" Wenn ich irgendwo Backwardation entdecke, außer bei Zins-Futures (wo es normal ist, dass die Kontraktpreise in den naheliegenden Monaten höher notieren), dann bin ich sofort gewarnt, dass ein normaler saisonaler Futurestrade nicht einträglich sein könnte. Tatsächlich kann mich eine solche Bedingung dazu veranlassen, dass ich nun in Erwägung ziehe, der saisonalen Tendenz entgegengesetzt vorzugehen. Beachten Sie, dass ich von "gewarnt" und "erwägen" sprach. Wie durch Moore`s Research dargelegt, ist Backwardation die zugrundeliegende Ursache für viele saisonale Futurestrades. Backwardation bei den Interest-Rate-Kontrakten (Zinsen) verhält sich entgegengesetzt zur Backwardation in den Rohstoffen. Bei den Interest-Rate-Kontrakten werden nämlich die Preise der entfernteren Monate höher notieren als die der naheliegenden Monate, also genau umgekehrt. Auch dort kann die Feststellung einer Backwardation dazu führen, dass ich bezüglich potentieller Probleme gewarnt werde. 5.3 Die Fundamentaldaten überprüfen: Die Positionen der großen Handelshäuser (Commercials) und der "Großen Trader" (Large Traders)Es gibt zwei Quellen, die ich mir anschauen kann, um die Positionen der großen Marktteilnehmer zu erkennen:
Die normale Position der großen Händler (Commercials) und der großen Trader (Large Traders) besteht darin, dass sie in den verschiedenen Rohstoff-Märkten short und in den zinstragenden Finanz-Futures long sind. Mich interessiert, ob die "großen Jungs" long in den Rohstoff-Futures (und short in den Finanz-Futures) sind. Diese Situation kann in Zusammenhang mit Backwardation eintreten, was aber nicht der Fall sein muss. Long in Rohstoff-Futures (commodity futures) zu sein, bedeutet, dass die großen Trader Futures kaufen oder Put-Optionen verkaufen. Long in Interest-Rates (Zinsen) zu sein, bedeutet, short in den Finanz-Futures zu sein. Um dies zu bewerkstelligen, verkaufen die "großen Jungs" Finanz-Futures und kaufen Put-Optionen. Wenn sich eine bedeutsame Änderung im Open-Interest (Konstraktbestand) ereignet, werde ich jeden beabsichtigten saisonalen Spread-Trade neu überdenken bzw. revidieren, und ich könnte dann sogar einen umgedrehten Spread-Einstieg in Erwägung ziehen. 5.4 Der COT-BerichtDieser Bericht wird einmal im Monat von den Börsen herausgegeben. Es handelt sich dabei nicht um einen zeitnahen Bericht, sondern er wird erst zwei Wochen nach Kenntnis der Daten veröffentlicht. Er wird in zunehmendem Maße weniger zuverlässig, je weiter die Zeit voranschreitet und der nächste Bericht bereits kurz vor der Bekanntgabe steht. Aber für das Spread-Trading ist dieser Bericht ausreichend. Der COT-Bericht kann telefonisch bei den Börsen bestellt werden, und er ist auch über Datenlieferanten zu bekommen, die Nachrichten übermitteln. 5.5 Open Interest (Kontraktbestand) bei Puts und CallsDas aktuelle Bild zu den Positionen der großen Handelshäuser (Commercials) und der großen Trader erhält man dadurch, dass man sich das Open Interest (Kontraktbestand) bei Put- und Call-Optionen für die einzelnen Kontrakte anschaut, aus denen der jeweilige saisonale Spread besteht. Der Grund, warum man diesen Faktor untersucht, besteht darin, dass die großen Trader und die kommerziellen Händler (commercials) diejenigen Parteien darstellen, die die meisten verfügbaren Optionen in den Märkten schreiben bzw. verkaufen. Das Open Interest von Puts und Calls pro Monat ist im Allgemeinen nicht über die Zeitungen erfahrbar. Soweit ich weiß, erhält man es kostenpflichtig über die Datenanbieter, die die täglichen Zahlen berichten. Dieser Service ist wahrscheinlich bei jedem Live- und End-of-Day-Datendienst enthalten, weil die Börsen das Open Interest (Kontraktbestand) täglich zusammen mit dem Volumen und den Preisdaten herausgeben. Ich werde Ihnen nun zeigen, was ich auf meinem Computer-Bildschirm sehe und wonach ich schaue. Angenommen ich habe einen saisonalen Trade, bei dem ich long im September-Kontrakt in US-30-Year-Bonds (T-Bond) und short im September-Kontrakt in US-10-Year-Notes (T-Notes) bin; dieser saisonale Trade ist auch als NOB-Spread bekannt (sollte er nicht besser BON-Spread heißen?). Falls es keine Nachrichten gibt, die mich davon abhalten könnten, diesen Trade einzugehen, würde ich damit beginnen, das Open Interest für Bond-Optionen zu untersuchen. Zuerst würde ich mir das Open Interest des nahen Basispreises am Geld (at-the-money) in September-T-Bonds anschauen. Da die kommerziellen Händler (commercials) normalerweise bei den Interest Rates (Zinsen) short sind, wäre ihre übliche Position in den T-Bonds die des Short-Put (Verkauf von Puts) und der Longposition in T-Bonds. Denken Sie daran, dass die Zins-Märkte im Vergleich zu den Rohstoff-Märkten eine umgekehrte Notierungsstruktur aufweisen. Im Falle eines normalen Marktes sollte es also wesentlich mehr Open Interest bei Puts als bei Calls geben. Wenn dies nicht der Fall ist, wäre ich gewarnt, dass möglicherweise irgendetwas Abnormes vor sich geht, vielleicht etwas, das ich nicht über die Nachrichten erfahren habe.
Bild 23 Mit der letzten Notierung des Treasury-Bond-Futures bei 117-15 beträgt das Open Interest der Put-Optionen für die Basispreise von 117 bis herunter auf 112 insgesamt 60.604 Kontrakte. Nun schauen wir uns das Open Interest für die selben Basispreise bei den September Treasury-Bond-Calls an.
Bild 24 Das Open Interest (Kontraktbestand) für die Call-Optionen der Basispreise von 118 bis 123 beträgt nur 45.861 Kontrakte, was zeigt, dass die Put-Verkäufer, normalerweise die Kommerziellen in T-Bonds (Commercials), immer noch short in den Interest Rates sind (tatsächlich long in Bonds), womit sie wesentlich über den Positionen der Nicht-Kommerziellen (normalerweise die Öffentlichkeit) liegen. Da dies die normale Situation ist, würde ich hinsichtlich der T-Bonds davon ausgehen, dass ich nur ermitteln muss, ob sich T-Notes in einer ähnlichen Situation befinden. Die Untersuchung des Open Interest von T-Notes zeigt 38.220 Calls und 48.176 Puts. Offensichtlich gibt es eine viel ausgeglichenere Situation bei den T-Notes als bei den T-Bonds. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sich die Öffentlichkeit üblicherweise nicht in T-Notes engagiert. Trotzdem befindet sich das Open Interest der T-Notes in Einklang mit dem, was ich erwartet hätte. Das Open Interest bei den Short-Put-Optionen der kommerziellen Händler (commercials) liegt höher als das Open Interest bei den Calls. Nun wäre ich bereit, mit dem Trade fortzufahren, da mir der Faktor des Open Interest die Information geliefert hat, dass alles richtig war. Um es zu wiederholen: Ich möchte einen normalen Verlauf der Preise von T-Bonds und T-Notes sehen, also von höheren Preisen bei den näherliegenden Monaten (front months) und niedrigeren Preisen bei den weiter entfernten Monaten (back months), weil dieser Trade ein Interest-Rate-Spread ist. Wir wollen nun nachschauen, ob es im besprochenen NOB-Spread eine Backwardation gibt.
US-TREASURY-BOND-Kurse
Dieser Verlauf von hohen zu niedrigen Kursen ist normal für T-Bonds und entspricht damit der normalen Notierungsstruktur. US-TREASURY-TEN-YEAR-NOTE-Kurse
Dieser Verlauf von hohen zu niedrigen Kursen ist normal für T-Notes und entspricht somit ebenfalls der normalen Notierungsstruktur. Aufgrund von Nachrichten, die den Markt bewegen, einem normalen Verlauf von T-Bond- und T-Note-Kursen und einer normalen Situation beim Open Interest wäre ich geneigt, diesen Trade einzugehen. Nun bedarf es nur noch eines geeigneten Chart-Signals. Meine Chart-Einstiegssignale werden in einem späteren Kapitel besprochen.
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